Exkursion Ammerschlucht Scheibum | Das Molassemeer im Querschnitt
Profilaufnahme im Gelände, LMU München · 13. November 2020
An der Scheibum bei Saulgrub hat sich die Ammer bis zu 60 Meter tief durch die fast senkrecht gestellte Faltenmolasse gesägt. Wer der Schlucht flussabwärts folgt, wandert durch Millionen Jahre Erdgeschichte: vom tiefen Molassemeer über Flachmeer und Flussdelta bis aufs Festland.
Unter der Leitung von Dr. Dorothea Frieling (LMU München) nahmen wir ein Gesamt- und ein Detailprofil durch die Schlucht auf. Der rund 600 Meter lange Durchbruch liegt etwa 15 Kilometer westlich des Staffelsees zwischen Altenau und Peißenberg; hier entwässert die Ammer einen Teil des Ammergebirges nach Norden.
Geologie in Kürze
Die Scheibum liegt am Südrand der Murnauer Mulde, einer der großen Ost-West-Mulden der Faltenmolasse. Die Schichten wurden im Oligozän horizontal abgelagert und bei der Alpenbildung aufgestellt und nach Norden überkippt – in der Schlucht stehen sie mit 70 bis 85° nahezu senkrecht. Von Süd nach Nord werden sie immer jünger: Tonmergelschichten des Rupels, Bausteinschichten und Weißachschichten des Chatts. Zusammen zeichnen sie die Verlandung des Molassemeers nach.
Das Profil – von Süd nach Nord
Tonmergelschichten (Rupel): das Meer
Gleich hinter der Brücke am Kraftwerk Kammerl beginnt die Schlucht mit Bändermergel: flachmarin abgelagerter Tonmergelstein mit welligen, auswitternden Sandsteinlagen und Wellenrippeln. Nach Norden werden die Sandlagen häufiger und gröber.
Diese Tonmergel nehmen die ersten rund 200 Meter der Schlucht ein. Sie gehören wie die weiter südlich anschließenden, sandigen Deutenhausener Schichten zur Unteren Meeresmolasse und erinnern in ihrer feinen Wechsellagerung noch an die Flysch-Sedimentation. Die Schichten stehen steil: Wir haben Fallwerte um 170/70 gemessen, sie fallen also mit etwa 70 Grad nach Süden ein – überkippt, denn jünger werden sie nach Norden.
Bausteinschichten (Chatt): die Küste
Nach gut 200 Metern markieren die ersten Sandsteinbänke den Übergang ins Chatt. Sturmlagen (Tempestite) – Sand, den Stürme von der Küste in tieferes Wasser verfrachteten – wechseln mit Mergeln; dazwischen fossile Herzmuscheln und dünne Kohlebänder. Ein Vorstrand, geprägt von Gezeiten und Stürmen: grobes Material bei Sturm, feines bei ruhiger See.
Mit ihnen beginnt an der Grenze Rupel–Chatt eine grobklastische Fazies, das Becken süßt allmählich aus. Bei rund 290 Metern folgen auf stark entfestigte Tonmergel die ersten Tempestite. Darüber liegen kräftig gewölbte und schräg gestellte Mergel, zwischen den Lagen immer wieder dünne Kohleschmitzen. Der Ablagerungsraum war ein Vorstrand, der ständig unter Wasser lag – Sturm und Gezeiten bestimmten, ob Grob- oder Feinmaterial kam. Hier steigt der Fallwinkel auf 80 bis 85 Grad.
Weißachschichten (Chatt): Delta und Festland
Nach rund 350 Metern beginnt das Konglomerat eines Schwemmfächers. Geröllpakete nehmen zu, die Schrägschichtung wird flacher. Rund 100 Meter vor dem eigentlichen Durchbruch hat die Ammer eine gut 25 Meter hohe Winkeldiskordanz freigelegt. Dazwischen liegen mächtigere Kohleflöze – Spuren von Sumpf- oder Mangrovenwäldern auf dem gehobenen Delta.
Den Abschluss bilden rote Festlandkonglomerate am Durchbruch. Ihre Farbe stammt nicht aus einem Wüstenklima, sondern wohl aus einer späteren Veränderung des Porenwassers; abgelagert wurden sie von wilden Flüssen, gesäumt von Galeriewäldern.
Der Schwemmfächer schob sich als komplexer Körper in die Küstenlinie hinein; seine Gerölle stammen aus dem aufsteigenden Gebirge, aus Flysch und Helvetikum. Über dem Fächer folgen Sand-Mergel-Wechsellagen mit mehr und mächtigeren Kohlebändern. Mangroven oder Sumpfwälder dürften das gehobene Delta überwachsen haben; eingestreute Sandlagen zeigen, dass es noch regelmäßig überflutet wurde. Die roten Konglomerate am Durchbruch sind kein Zeichen für Wüstenklima – die Farbe entstand nachträglich durch das Porenwasser. Eher muss man sich wilde Flüsse mit Galeriewäldern vorstellen. Die Steigbachschichten, das jüngste Glied der Folge, schließen sich weiter nördlich an.
Die Schlucht
Die Scheibum liegt rund 15 Kilometer westlich des Staffelsees zwischen Altenau und Peißenberg bei Saulgrub. Der Felsdurchbruch ist etwa 600 Meter lang und bis zu 60 Meter tief. Die Ammer kommt aus dem Graswangtal und entwässert hier einen Teil der Ammergauer Alpen, fließt weiter in den Ammersee und mündet als Amper bei Moosburg in die Isar. Wer hinwill: Parkplatz an der Brücke zum Kraftwerk Kammerl, alternativ mit der Bahn bis Saulgrub. Feste Schuhe oder Gummistiefel sind Pflicht, die Felsen sind glatt.
Das größere Bild
Als sich vor rund 30 Millionen Jahren die Alpendecken über den Südrand Europas schoben, bog sich die Kruste unter ihrer Last durch. Das Vorlandbecken füllte sich mit bis zu 5.000 Metern Alpenschutt. In der Paratethys, einem schmalen Meeresarm nördlich der Alpen, lagerte sich zuerst die Untere Meeresmolasse ab. Im oberen Oligozän zog sich das Meer zurück, Flüsse übernahmen – die Untere Süßwassermolasse. Später kehrte das Meer noch einmal zurück, bevor die Obere Süßwassermolasse das Becken endgültig auffüllte. Der weitere Vorschub der Alpen hat den Südrand dieses Beckens schließlich zu Ost-West-verlaufenden Mulden gefaltet; die Scheibum schneidet den Südschenkel der Murnauer Mulde. In ihr lässt sich die Verlandung eines Meeres auf wenigen hundert Metern Weg nachgehen.
Im Detail: das Delta-Profil
Zusätzlich zum rund 400 Meter langen Gesamtprofil im Maßstab 1:2.500 haben wir den Abschnitt um die erste Verengung bei den „Steinmännchen“ im Detail aufgenommen – Schicht für Schicht, auf etwa 50 Metern.
- Die ersten 15 Meter: dünne Tonmergellagen von ein bis zehn Zentimetern mit Kohleflözchen von höchstens ein bis zwei Zentimetern, feinen Sandsteinlagen und Herzmuscheln. Darauf eine zwei Meter mächtige Feinsandsteinlage, wieder Mergel, und zum Abschluss eine Sandsteinlage mit Wellenrippeln.
- Dann eine Lücke unter quartärer Überdeckung; vermutlich liegen darunter weitere Tonmergel mit Sandsteinbänken.
- Zwölf Meter schlecht verfestigter, kalkig gebundener Feinsandstein, teils fein laminiert.
- Fünf Meter gröberer, gut verfestigter Sandstein mit Lamination, Wellenrippeln und einer Lage inkohlter Pflanzenreste.
- Eine zwei Meter mächtige, klastengestützte, schlecht sortierte, aber gradierte Konglomeratbank aus Fein- bis Grobkies; eine feinere, gut gerundete Konglomeratlage mit lehrbuchhafter Gradierung; schließlich drei Meter mittelkörniges, gradiertes Konglomerat.
- Den Schluss bilden inkohlte Pflanzenhäcksel und ein 25 Zentimeter mächtiges Kohleband.
Die gradierten Konglomeratbänke stehen für einzelne Hochwasserereignisse, bei denen die Strömung erst grobes, dann immer feineres Material absetzte.
Weil die Schichten senkrecht stehen, entspricht ihre Breite im Gelände direkt ihrer Mächtigkeit – und damit der Zeit, die ihre Ablagerung gedauert hat.
Mehr zur Faltenmolasse: Kartierung Ostallgäu · Exkursion Peißenberg







































