Kartierung Ostallgäu | Faltenmolasse am Senkelekopf
Anfängerkartierung der LMU München · 6. bis 17. September 2021
Zwölf Tage Kartieren zwischen Pfronten, Hopfensee und Weißensee: Die Anfängerkartierung führte in die Faltenmolasse am Südrand der Murnauer Mulde.
Geleitet wurde die Kartierung von Dr. Dorothea Frieling und Dr. Simon Kübler (LMU München).
Geologie in Kürze
Die Molasseschichten wurden horizontal abgelagert und von den vorrückenden Alpen fast senkrecht aufgestellt. Von alt nach jung – im Gelände von Süd nach Nord – folgen Deutenhausener Schichten (marin, sandig), Tonmergelschichten, Bausteinschichten (Küste, Sturmlagen), Weißachschichten (Flussdelta, rote Konglomerate) und Steigbachschichten (Festland): die Verlandung des Molassemeers in Stein.
Kartierung Ostallgäu
Senkelekopf und Zwieselberg bilden einen markanten Höhenzug aus den harten Konglomeraten der Baustein- und Weißachschichten. Weichere Tonmergel und eiszeitlicher Geschiebemergel überdecken weite Teile des Südens – dort ließen sich die Grenzen oft nur über Lesesteine, Bachläufe und Handbohrungen ziehen. Die Arbeitshypothese bestätigte sich: Senkelekopf und Zwieselberg gehörten ursprünglich zusammen und wurden an einer Störung versetzt – der Wechsel von Baustein- zu Weißachschichten liegt auf beiden Seiten in rund 600 Metern Höhe. Ein Highlight war ein Interglazial-Aufschluss im Stellenbach mit dem Übergang von Warmzeit zu Gletschervorstoß.
Was eine Anfängerkartierung ist
Ziel ist, das anstehende Gestein eines Gebiets systematisch und vollständig zu erfassen und daraus eine eigene geologische Karte zu zeichnen – auch dort, wo Boden und Wald alles verdecken. Ausgerüstet mit Feldbuch, Hammer, Salzsäure, Lupe, Maßband, Kartierbrett und Geologenkompass haben wir zu zweit unser Teilgebiet abgelaufen. Am Anfang stand eine Übersichtsbegehung: Wo gibt es Aufschlüsse, wie sieht das Gelände aus, welche Wege sind passierbar? Daraus entstand ein erstes Konzept der Kartiereinheiten.
Die Daten haben unterschiedliche Qualität. Am sichersten sind direkte Beobachtungen in Aufschlüssen – Bachrinnen, Hanganrisse, Wegeinschnitte, Handbohrungen bis etwa einen Meter Tiefe. Danach kommen Lesesteine, die nicht mehr im Verband liegen. Und schließlich indirekte Hinweise: Geländekanten, Rippen, Verebnungen, Quellen, Vernässungen und Zeigerpflanzen. Wo kein Handy-Empfang war, haben wir die Position per Kreuzpeilung auf zwei markante Punkte bestimmt, Entfernungen über das eigene Schrittmaß (bei mir rund 1,5 Meter pro Doppelschritt) und Höhen über die Augenhöhe oder den Neigungsmesser des Kompasses.
Die Kartiereinheiten
Deutenhausener Schichten: Eine Wechselfolge aus grauen, laminierten Tonmergeln, mittelkörnigen bräunlichen Sandsteinbänken von zwei bis 20 Zentimetern und matrixgestützten Konglomeratbänken bis zwei Meter Mächtigkeit. Die Konglomerate sind schlecht sortiert und meist nur kantengerundet, die Gerölle bestehen aus Sandstein und Kalk, selten aus Kristallin. Auf Lesesteinen finden sich Sohl- und Schleifmarken. Sie sind das älteste Schichtglied, abgelagert im Meer.
Flysch: In einem kleinen Teil des Gebiets steht Reiselsberger Sandstein an – grünlich, grobkörnig, glimmer- und glaukonitreich, im Wechsel mit grauen, geschieferten Tonmergeln. Gradierte Bänke, Strömungs- und Belastungsmarken auf den Unterseiten und Weidespuren zeigen Trübeströme in tieferem Wasser.
Tonmergelschichten: Vor allem in den Bachbetten aufgeschlossen. Graue, deutlich laminierte Tonmergel überwiegen, dazwischen wittern härtere, glaukonitführende Sandsteine heraus, mit Strömungsrippeln, Schrägschichtung, Bioturbation und kleinen Kohleresten.
Bausteinschichten: Graue bis gelbliche, korngestützte Konglomerate mit eingeregelten Geröllen von ein bis fünf Zentimetern, überwiegend Kalk, zehn bis 15 Prozent Sandstein. Dazwischen liegen Sandsteinlinsen von zehn bis 20 Zentimetern mit viel Quarz und Hellglimmer.
Weißachschichten: Ähnlich zusammengesetzt, aber rot – mehr Eisen. Das Farbkriterium war im Gelände das wichtigste. Härtere Konglomeratrippen ziehen parallel zum Streichen über den Senkelekopf; dazwischen staut sich Wasser, was man am Bewuchs erkennt. Steile Geländekanten folgen dem Einfallen, Bäche folgen den Störungen.
Steigbachschichten: Die schwierigste Einheit. Graue Tonmergel mit Flaserschichtung und dünne, muskovitreichere Sandsteinbänke, kaum aufgeschlossen. Oft verrieten nur die in Abständen herauswitternden Sandsteinbänke, dass dazwischen weicheres Gestein liegen muss.
Quartär: Im Süden dominiert grauer, unsortierter Geschiebemergel mit kantigen Kalkgeröllen, Pflanzenresten und Braunkohlepartikeln; erreicht haben wir ihn meist nach 50 bis 100 Zentimetern Bohrtiefe. Dazu kommen ebene, polygenetische Talfüllungen und Moore – Anmoor, Hochmoor und Niedermoor –, die man an Wald oder dunklen Flächen zwischen den Weiden erkennt.
Der Fund im Stellenbach
Nahe der Autobahnbrücke im Stellenbach haben wir ein Interglazial gefunden: feinkörnige Ablagerungen einer Warmzeit, darüber grobes Material und Geschiebemergel eines vorrückenden Gletschers. In einem einzigen Bachanschnitt sieht man hier, wie eine Warmzeit endet und das Eis kommt.
Tektonik und Karte
Die Schichten streichen Ost-West und folgen auf der Karte ohne größere Ausreißer von Süd nach Nord aufeinander. Senkelekopf und Zwieselberg sind an einer Nord-Süd-Störung gegeneinander versetzt; im Lobach zwischen beiden Höhenzügen belegen zahlreiche Spiegelharnische die Bewegung. Daneben durchziehen viele kleinere Nord-Süd-Störungen den Senkelekopf und lenken die Bäche. Das Helvetikum ist im Gebiet von Quartär verdeckt, tritt aber in den Nachbargebieten zutage; am Westrand trafen wir auf verfaltetes Helvetikum oder Ultrahelvetikum. Weil der Süden so stark überdeckt ist, bleibt die Tektonik dort zwangsläufig offen.
Fazit
Das Spannendste war, eine Hypothese im Gelände zu prüfen – und recht zu behalten. Frustrierend waren die Stunden im Wald ohne einen einzigen Aufschluss, umso besser das Gefühl, wenn sich die Suche doch lohnte. Mitgenommen habe ich auch, was beim nächsten Mal besser laufen muss: gründlichere Vorbereitung mit Literatur, Bohrdaten und vorhandenen Karten – und eine Ausrüstung, bei der Bohrstock, Kompass und Maßband funktionieren.
Ammerschlucht Scheibum
Dieselbe Schichtfolge – vom Molassemeer bis zum Festland – liegt in der Ammerschlucht bei Saulgrub senkrecht aufgestellt offen. Dort haben wir im November 2020 ein Profil aufgenommen: Exkursion Ammerschlucht Scheibum.








